Pressemitteilung
 
 
Geschätzte Redaktion!

Zu Jahreswechseln hat die Zukunftsforschung Hochkonjunktur. Doch Prognosen sind schwierig. Seriöser ist es, gewünschte Zukunftsbilder zu entwerfen. Hans Holzinger, Nachhaltigkeits- und Transformationsexperte der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg, formuliert fünf Ziele bzw. Wünsche, die sich für das Jahr 2021 stellen.

 
 

Fünf Ziele für das neue Jahr | Nachhaltigkeits- und Zukunftsforscher Hans Holzinger über ein anderes Wirtschaften, mehr Dialog und die Wiederkehr der Moral

Das Jahr 2020 war bestimmt von Corona. Ein kleines Virus hat unseren Turbogesellschaften zugesetzt und wird uns auch noch im Folgejahr begleiten. Pandemien kannten wir nur mehr aus der Geschichte oder aus Ländern weit weg von uns. Nun hatte es auch uns erwischt. Die Staaten reagierten rasch, die Politik zeigte Handlungsfähigkeit. Doch mit Fortdauer der Krise steigt der Unmut, die Polarisierung nimmt zu. Die Einschnitte in die Wirtschaft sind enorm. Die Wirtschaftsforschung zieht gar Vergleiche mit der Rezession der 1930er-Jahre. Nicht allen, die gegen die Einschränkungen der Freiheitsrechte protestieren, geht es um die Rettung der Demokratie. Der Streit um die Impfungen führt zu weiteren Aufspaltungen. Was können wir aus der Krise lernen und welche Herausforderungen stellen sich durch diese und über die Pandemie hinaus? Wir können nicht vorhersagen, wie die Zukunft wird, aber wir können Vorschläge unterbreiten, wie sie werden sollte. Im Folgenden finden Sie fünf Ziele bzw. Aufgaben, die sich für das Jahr 2021 stellen.

  1. Lehren aus der Pandemie ziehen und die Wirtschaft geplant umbauen

Durch die Bündelung von Ressourcen wurden erstaunlich rasch Impfstoffe zur Immunisierung gegen das Virus geschaffen. Die Hoffnung, dass dadurch im Laufe des Jahres eine Normalisierung des Lebens und Wirtschaftens eintreten wird, ist berechtigt. Doch warnende Stimmen wie die Primatenforscherin Jane Goodall oder der Genetiker Josef Penninger gehen davon aus, dass Pandemien uns auch in Zukunft begleiten werden. Das Zerstören der letzten unberührten Naturareale, die Massentierhaltung, das Leben in dicht besiedelten Städten und die zunehmende Globalisierung werden als Gründe genannt. Auch der menschengemachte Klimawandel soll die Verbreitung von Viren fördern. Der Aufbau resilienter Wirtschaften mit einer stärkeren Regionalisierung der Produktionsstrukturen, ein Überdenken der Ernährungsweisen sowie der Übergang zu regenerativen Landwirtschaften sollten ins Auge gefasst werden. Generell könnte die Pandemie zu einer wieder stärkeren Verortung des Lebens und Wirtschaftens führen. Dies würde auch den Aufbau von Binnenmärkten in den Ländern des Südens erfordern, jedoch keine Abschottung bedeuten. Wissen soll global zirkulieren, Produzieren aber erneut stärker regionalisiert werden. Der globale Handel würde nicht zur Gänze wegfallen, aber auf ein umweltverträgliches Maß begrenzt. Die gegenwärtigen globalen Güterketten sind ohnedies nur möglich auf Basis des billigen Erdöls. Das führt uns zur zweiten Aufgabe.

  1. Den menschengemachten Klimawandel ernst nehmen und danach handeln

Das Jahr 2020 gilt auch als Beginn jenes Jahrzehnts, in dem sich entscheiden wird, ob die Einbremsung des menschengemachten Klimawandels auf ein ökosystemisch verträgliches Maß gelingen wird oder nicht. Um jährlich 7 Prozent müsste der Ausstoß an Treibhausgasemissionen zurückgehen, wenn wir das Ziel einer globalen Temperaturerhöhung um maximal 1,5 Grad Celsius noch erreichen wollen, rechnet die Klimaforschung vor. Ein Wert, der pandemiebedingt 2020 erreicht wurde. Nun müssten jedoch jährlich jeweils weitere 7 Prozent an Reduktion folgen. Der Impfstoff gegen den Klimawandel ist bereits gefunden und bekannt: die Dekarbonisierung unserer Wirtschaften und der Umstieg auf 100 Prozent erneuerbare Energieträger. Ein gigantischer Strukturwandel, der jenem des Übergangs von der Handwerker- und Bauerngesellschaft zur Industriegesellschaft vergleichbar ist. Anders als bei der Pandemie handelt es sich beim Klimawandel um ein schleichendes Phänomen - der Meteorologe Sven Plöger spricht vom einem „Asteroideneinschlag in Superzeitlupe“. Die Folgen werden jedoch immer stärker spürbar, Kipppunkte könnten rasch zur Zuspitzung der Krisen führen. Nicht-Handeln wird auch volkswirtschaftlich viel teurer als das Setzen von Maßnahmen. Die große Herausforderung: einzelne Länder können zwar als Pioniere des Umstiegs vorangehen, letztlich muss aber global gehandelt werden. Die auch 2021 weiterhin nötige Stützung der Wirtschaft ist mit dem grünen Umbau zu verbinden. Der Europäische Green New Deal weist hier ebenso wie das vereinbarte Klima-Investitionsprogramm in Österreich in die richtige Richtung. Am Ziel sind wir noch lange nicht und es ist keineswegs ausgemacht, dass der Strukturwandel gelingt. Doch sollte nun die Ära eines grünen Keynesianismus schlagen. Nichts wäre schlimmer als die Rückkehr zur Austeritätspolitik.

  1. Unsere Bilder von Wohlstand und gutem Leben überdenken

Die Stärke einer offenen Gesellschaft liegt in der Fähigkeit, auf Probleme neue Antworten zu finden. So können Krisen in der Tat zu Chancen werden. Neue Technologien werden dazu beitragen, den ökologischen Wandel zu gestalten. Die erneuerbaren Energietechnologien sind ausgereift, die Speichermöglichkeiten werden immer besser, die Ansätze für Kreislaufwirtschaften, in denen Ressourcen nicht länger vergeudet werden, nehmen zu. Doch zudem brauchen wir ein Überdenken unserer Ziele, also dessen was ein gutes Leben ausmacht. Ratgeber wie „Simplify your life“ und Bewegungen wie „Downsizing“ oder „Minimalism“ zeigen, dass unsere Konsumgesellschaften entrümpelt gehören. Das mag angesichts der sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Pandemie abgehoben erscheinen. Fakt ist aber, dass zu viele Dinge unser Leben verstopfen und zu viele Weltangebote das Leben immer mehr verdichten. Nicht nur anders produzieren und konsumieren, sondern auch weniger, lautet dann die Devise. Die Pandemie kann uns lehren, das Wirtschaften wieder stärker auf die Grundbedürfnisse zu fokussieren: Leistbares Wohnen und Lebensmittel hoher Qualität für alle, begrünte Städte, die wieder den Menschen gehören, Aufwertung öffentlicher Leistungen wie Bildung, Gesundheit und Kultur, gute Bedingungen für das Heranwachsen der Jungen und für ein würdiges Altwerden-Können. Denkbar würden neue Arbeitszeitmodelle, die den jeweiligen Lebenslagen angepasst sind – im Trend mit kürzeren Arbeitszeiten. Die weiter fortschreitende Digitalisierung birgt große Automatisierungs- und Rationalisierungspotenziale. Möglicherweise muss die soziale Grundsicherung neu angelegt werden, ein bedingungsloses Grundeinkommen wäre dann keine Utopie mehr.

  1. Begriffe wie Leistung, Moral, Kreativität und wirtschaftlichen Erfolg neu definieren

 „Leistung muss sich wieder lohnen“ lautet das Mantra der Kritiker des Wohlfahrtsstaates. Der Kapitalismus tritt mit der Erzählung an, dass Erfolg hat, wer etwas leistet. Doch vielmehr funktioniert dieser nach dem Matthäus-Prinzip: „Wer hat, dem wird gegeben“. Die Vermögenden haben ihre Eigentumsrechte bestens abgesichert. Sie beschäftigen ganze Heere von Anwälten und Finanzspezialisten, die ihnen die Mehrung ihres Besitzes sichern. Die Rechtswissenschaftlerin Katharina Pistor spricht treffend vom „Code des Kapitals“, der US-Philosoph Michel Sandel vom „Ende des Gemeinwohls“. Statistiken belegen seit Jahren, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich immer mehr auftut. Doch die Wirtschaft folgt keinen Naturgesetzen, sondern wird von Menschen gemacht und ist daher veränderbar. Wir brauchen eine Ökonomie, die moralisch Bestand hat, in der (wieder) tatsächliche Leistungsgerechtigkeit herrscht – niemand kann das 50- oder 100-fache eines Normalverdienenden leisten. Wenn zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise ein Lastenausgleich gefordert wird, zu dem die Reicheren stärker herangezogen werden sollen, ist das verständlich. Aber die Zunahme der Ungleichheit war auch ohne Pandemie volkswirtschaftlich schädlich und demokratiepolitisch gefährlich. Geschichte verläuft häufig in Wellenbewegungen. Das Pendel kann und soll in Zukunft wieder stärker in Richtung Gemeinwohl und Balance ausschlagen. Zudem können die Koordinaten des Wirtschaftens neu justiert werden. Das Ziel wäre dann eine Wirtschaft, in der nicht mehr der billigste Preis von allem – und damit das Auspressen von Menschen, Tieren und Natur – der bestimmende Faktor ist, sondern die Sozial- und Umweltverträglichkeit. Das erfordert durch aus Kreativität und Leistungsbereitschaft, doch würde beides neu codiert: Statt kreativer Wege zur Steuerhinterziehung kreative Zukunftslösungen, statt Profitmaximierung Leistungen für das Gemeinwohl, statt Wachstumszwang Mut zur Begrenzung und (Wieder)-Erlangung der Fähigkeit zur Muße. Nicht zuletzt brauchen wir eine Schrumpfung des Finanzsektors auf ein für das Funktionieren einer Marktwirtschaft notwendiges Maß und neue Indikatoren für die Messung von wirtschaftlichem Erfolg, die ökologische und soziale Kriterien berücksichtigen. Beispiele wären die Gemeinwohlökonomie, die zwanzig Parameter für unternehmerischen Erfolg ausweist, oder auf volkswirtschaftlicher Ebene das „Wohlstandsquintett“ des Denkwerk Zukunft, das neben dem Bruttoinlandsprodukt auch Faktoren wie den ökologischen Fußabdruck sowie Verteilungsfragen berücksichtigt.

  1. Weiteren Polarisierungen entgegenwirken und den demokratischen Dialog fördern

Ergebnisse der Zufriedenheitsforschung zeigen, dass soziale Beziehungen und Vertrauen ebenso wichtige Zukunftsressourcen sind wie ökonomische Sicherheit und ein planbares Einkommen. Die Polarisierung in der Gesellschaft nimmt jedoch seit Jahren zu. Der Stil der öffentlichen Debatten wird rauer – die Sozialen Medien führen nicht nur zur Verstärkung der Blasenbildung, sondern auch zur Verrohung des Gesprächsklimas – „Hass im Netz“ gilt mittlerweile als stehender Begriff. Populismus lebt von dieser Verrohung der Diskurssitten und er verstärkt diese zugleich. Ein Beispiel: Ein den Menschenrechten verpflichteter Umgang mit Geflüchteten sowie eine konstruktive Migrationspolitik werden nur möglich sein, wenn der öffentliche Diskurs sich ändert und neue Werte-Mehrheiten entstehen. In der Pandemie haben Regierungen Handlungsfähigkeit bewiesen. Doch der gesellschaftliche Konsens über die Maßnahmen erodiert. Der Vertrauensverlust in die Institutionen und den Staat bereitete mir aber bereits vor der Pandemie Sorgen. Die Politik ist daran nicht unschuldig. Demokratie lebt von Dialog und Vertrauen. Ich wünsche mir daher – dies mein letzter Punkt - wieder mehr Gesprächs- und Debattenkultur. Diese braucht Persönlichkeiten in der Politik, im öffentlichen Leben, die Vertrauen und ein Miteinander fördern, und sie braucht Bürger und Bürgerinnen, die sich am öffentlichen Diskurs beteiligen.

(C) Hans Holzinger, zum Zitieren frei, Abdruck nach Rücksprache

 
hansholzinger_fotojbz_reinhardgeiger
 

Zum Verfasser

Mag. Hans Holzinger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und pädagogischer Leiter der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg. Seine Arbeitsschwerpunkte sind nachhaltiges Wirtschaften, Zukunft der Arbeit, neue Wohlstandsmodelle, Erforschung des Wandels. Er ist Moderator von Zukunftswerkstätten, Mitherausgeber des Magazins "pro zukunft" und Autor mehrerer Bücher. Zuletzt erschienen: "Post-Corona-Gesellschaft. Was wir aus der Krise lernen sollten" (2020), "Wann lernen Gesellschaften?" (2020, JBZ-Arbeitspapier), "Wie wirtschaften? Ein kritisches Glossar" (2018), "Von nichts zu viel - für alle genug" (2016). Foto: JBZ/Geiger